Anstößige Sportbekleidung anno 1923

Ende des 18. Jahrhunderts, Anfang des 19. Jahrhunderts, war die Gründung von Sportvereinen nicht mehr aufzuhalten. Darauf wurden auch die Kirchen aufmerksam. Sie haben deshalb in ihre Jugendgruppen auch sportliche Angebote gebracht. Damit war aber gleichzeitig das Problem einer „angemessenen“ Sportkleidung geboren.

Die damals immer noch vorherrschende kritische Haltung der Kirche zum menschlichen Körper stand konträr zum neu aufkommenden Körperbewusstsein der Bevölkerung und neuer Sportarten. Insbesondere Fußball wurde von der Jugend begeistert aufgenommen. Fußball spielen vertrug sich aber einfach nicht mit vom „Stehkragen bis zum Fußknöchel“ zugeknöpfter Sportbekleidung. Die Auffassung konservativer Gruppen und Sporttreibender ließ sich schwer „unter einen Hut bringen“.

So erregte eine Gruppe Sporttreibender auf der Sportstätte Bergheimer Straße die Gemüter Neußer Bürger und kirchlicher Vereine im Dreikönigenviertel. Im Mai 1923 veröffentlichten kirchliche Vereine eine Protestnote mit folgendem Inhalt:

„Die Vorstände kath. Vereine, der kath. Schulorganisation, der Elternbeirat und die Vertreter der Lehrerschaft erheben entschieden Protest gegen das Verhalten gewisser Sportgruppen, die in sittlich anstößiger, mehr halb nackter Tracht auf dem offenen Sportplatz an der Bergheimer Str. unter den Augen unserer Jugend sich stundenlang bewegen und sogar in dieser Tracht auf der Strasse und in den Anlagen des Bezirkes sich herumtreiben. Die genannten Verbände sehen darin eine grobe Gefährdung der Sittlichkeit unserer Jugend, ein öffentliches Ärgernis und den Anfang einer bedenklichen Entwicklung unseres Sportwesens. Sie fordern von den städtischen Behörden sofortiges Einschreiten gegen die genannten Auswüchse und bitten die übrigen Sportvereine und die Schule sowie alle auf dem Boden christlicher Sitte stehenden Mitbürger, nach Kräften ihre Bemühungen zu unterstützen. Sie werden sich nicht zufrieden geben, bis die ärgerlichen Vorgänge von der Strasse und den öffentlichen Plätzen verschwunden sind.“

Diese aus heutiger Sicht sehr überzogene Erkenntnis der Umstände und Übertreibung der von den Sportlern ausgehenden „Gefahren“ hatte weitreichende Konsequenzen. Die Eingabe wurde als polizeiliche Strafanzeige behandelt. Die Betroffenen wurden zur Aussage vorgeladen.

Auch Jean Pullen (Lehrer, Ratsherr und langjährigen Vorsitzender der Rheinkraft Neuss wurde als Zeuge vernommen. Er gab u.a. zu Protokoll:

„Ich persönlich nehme an der Sportkleidung keinen Anstoß, auch sehe ich an dem Verhalten der Sportleute kein Ärgernis, habe aber hierbei die Erziehung unserer Jugend im Auge und erblicke in dem ungemäßen Verhalten der Sportler eine Gefahr für die heranwachsende Jugend. Es handelt sich hauptsächlich um Sportleute vom Turnverein „Fichte“. Die Namen dieser Sportler sind mir nicht bekannt. Weitere sachdienliche Angaben kann ich nicht machen.“

Abgesehen von der Kritik, die hier einem Turnverein nur aufgrund der äußeren Erscheinung seiner Mitglieder entgegenschlug, bargen die Situation und der Konflikt zwischen der Pfarrei und ihren angeschlossenen Vereinen und dem Turnverein weiteres Potential einer ernsten Verstimmung. Es handelt sich mit größter Wahrscheinlichkeit um Symptome des generellen Zwistes zwischen konfessionell orientierten Jugendvereinen und den der Sozialdemokratie nahestehenden Verbänden und der Konkurrenz auf dem Sportplatz Bergheimer Straße.

Die in Neuss erscheinende Arbeiterzeitung „Der freie Sprecher“ nahm darauf die Situation zum Anlass in einer satirischen Gegendarstellung und in einem Kommentar ihren Hohn über die Pfarrei und deren Vereine auszuschütten.

U.a. ist dort nachzulesen: „Die unterzeichneten Gegenprotestler fühlen sich in ihrer Tätigkeit, die sie in Hemdsärmeln vor zunehmen pflegen, bedroht, und erklären, dass es ihnen unmöglich sei, bei ihrer Tätigkeit vom Halsstehbördchen bis zum Absatz sich schwarz einzuwickeln. Es käme auch vor, dass sie sogar die Weste auszögen, und beim Baden im Rhein hätten sie sich zuweilen mit dem Taschentuch beholfen.“

Leider ist nicht überliefert, wie der Konflikt endete, es ist jedoch zu vermuten, dass er im Endeffekt im Sande verlief.

Solche und ähnliche Vorkommnisse veranlassten den Düsseldorfer Regierungspräsidenten im November 1926 einen Erlass herauszugeben, in dem konstatiert wurde, dass die Bekleidung „kurze Hose, ohne Hemd“ von Turnern dem sittlichen Empfinden weiter Kreise nicht entspräche und daher nicht geduldet werden können. Die erlaubte Sportbekleidung war als Turn- bzw. Trikothemd und lange oder Kniehose definiert.

Heute können wir über derartige Probleme nur schmunzeln. Aber wir sollten berücksichtigen, dass sich die ethischen Werte in einem Zeitraum von fast 100 Jahren erheblich gewandelt haben.