Die Rheinkraft und das Dreikönigenviertel

Diese Festansprache wurde von Herrn Dr. Max Tauch, Museumsdirektor i. R., anlässlich der Ehrenamtsfeier am 11. Januar 2004, im Dreikönigensaal gehalten.

Immer schon galt das Dreikönigenviertel unter den Neusser Stadtteilen als etwas Besonderes. Viele Geschichten und Anekdoten ranken sich um seine Entstehung, die eng mit dem Bau der Dreikönigenkirche verbunden ist. Kurz vor dem 1. Weltkrieg kam dieses ehrgeizige Projekt zum Abschluss: 1911 war die Kirche fertiggestellt.

In dem sich entwickelnden Pfarrgemeindeleben sollte auch die Jugend ihren Platz finden. Sie tat sich im katholischen Jugendverein zusammen, der sich nach dem Pfarrpatrozinium „Jugend-Verein Hl. Dreikönige“ nannte. Aus ihm erwuchs jene Fußballmannschaft, aus der schließlich 1914 – also vor 90 Jahren – die „DJK Rheinkraft Neuss“ entstand.

Dreikönige – Rheinkraft: zwei Begriffe, die Anlass zum Nachdenken geben. Natürlich waren die Neusser Jungen hinter dem Ball weder Heilige noch Könige, aber es waren Rheinländer, gesund und kraftvoll, und so wählte man zu Recht die Bezeichnung „Rheinkraft“. Es wäre ja wohl auch zu komisch gewesen, hätte man als Vereinsbezeichnung den vielleicht geographisch näher liegenden Namen „Erftkraft“ angenommen, womöglich sogar noch „Obererftkraft“.

Der Rhein war 1914 in aller Munde „Sie werden ihn nicht haben, den teuren deutschen Rhein“ sang man damals und meinte damit Frankreich. Dabei waren doch gerade auch in Neuss noch Begriffe im Umlauf, die ihre französische Herkunft nicht verleugneten. Beim Regen griff man zum Parapluie. Rektor Geller appellierte beim Bau der Dreikönigenkirche an das Portemonnaie der Neusser, denen beim Anblick des Quirinusmünsters zwar stets das Herz aufgeht aber selten die Brieftasche. Auf dem damals noch ansehnlichen Neusser Bahnhof betrat man den Perron in Erwartung des Zuges, und die Damen erfrischten sich derweil mit Eau de Cologne. Die ältere Generation schlüpfte noch in den Paletot und die jungen hatten zuweilen bereits ein Fisternöllchen.

Doch der Rhein: das war Kraft, das war Mut, das war das Vaterland. Und er bildete die Heimat. Also, „Rheinkraft“ das passte. Und ergänzte andere damals patriotische Vereinsnamen wie Germania oder Viktoria. Solche Begriffe hatten Konjunktur im Rheinland. Im linksrheinischen jedenfalls, wo man ja näher an der Reichsgrenze war. Das merkte im rechtsrheinischen Düsseldorf, das für den Neusser ohnehin schon fast Asien ist, schon niemand mehr, geschweige denn in München, Berlin oder Hamburg. Im übrigen: als die DJK Rheinkraft bereits mit der Fronleichnamsprozession zog, soll es in anderen Teilen Deutschlands, noch Leute auf Bärenfellen gegeben haben. Den Neusser focht das nicht an, im Bunde mit Quirinus und den heiligen Drei Königen fühlte man sich stark, Rheinkraft eben. Es soll ja Neusser geben, die, von Westen kommend auf der A 46 in Höhe von Kapellen angesichts des Münsters und der Dreikönigenkirche, noch einmal feste aufs Gaspedal treten. Ein Zusammenhang ist nicht nachzuweisen, aber die Anschlussstelle bei Kloster Kreitz ist einer der Unfallschwerpunkte in der Region.


Rheinkraftler auf der Sportanlage Steigerturm (um 1920)

Unser Dreikönigenviertel, entnommen aus einem Stadtplan von 1925.
Hier ist noch das ehemalige Vereinsgelände „Am Steigerturm” eingezeichnet

Natürlich stand dem jungen Verein 1914 noch die ganze Fülle gastronomischer Vier-Sterne-Betriebe rund um die Dreikönigenkirche zur Verfügung.

Nach der sportlichen Übung, die den Magen knurren ließ, folgte die kulinarische Erholung, die keine nationalen Grenzen kannte: ein deftiger „Ungarischer Goulasch“ war ebenso willkommen wie „Dicke Bohnen mit Speck“ aus Grevenbroicher Anbaugebieten und die unvermeidliche Erbsen- und Linsensuppe. Da vernahm man zuweilen bei Pullen den alten Spruch: „Die Linse, wo sinn se, sie koche drei Woche, sin hart wie die Knoche. Deck se zo dann hann se Roh“.

Es verstand sich von selbst, dass man – wenn schon im Schatten der Dreikönigenkirche wohnend und damit näher bei den Kölner Patronen – ein Rheinisch sprach, dass sich stärker an der Metropole als am unteren Niederrhein orientierte.


Der Sportplatz „Am Steigerturm”.
Das Foto – aufgenommen um 1910 – wurde uns vom Stadtarchiv zur Verfügung gestellt.
Sehr schön ist im Hintergrund die Dreikönigenkirche zu erkennen

Rheinkraft Neuss 1914. Damals konnte man noch geschlossenen Auges durch das Dreikönigenviertel gehen, und man wusste, wo man war, Die Luft war noch geschwängert von den individuellen Gerüchen der Metzger, Schumacherwerkstätten und Bäckereien.

Das ist Vergangenheit, aber die Eigenart des Dreikönigenviertels ist geblieben. Nur hier konnten Persönlichkeiten gedeihen wie der in Neuss unvergessene Oberbürgermeister Herbert Karrenberg, die Patriarchen der Familie Thywissen und die zahlreichen Kapläne, Pfarrer, Küster, Organisten. Rheinkraft – rheinische Kraft, gerade bei den früheren Seelsorgern. Hier bestanden sie ihre Talentprobe, und zwischen den Sportlern und ihren geistlichen Betreuern war ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Die Grundstimmung des Viertels war und ist einfach so, dass jeder jeden leben lässt.

Der DJK Rheinkraft Neuss 1914 ist das in den 90 Jahren ihrer Existenz gut bekommen. Und damit hat sie eigentlich eine Gold-, zumindest eine Silbermedaille verdient. Gewiss, mit dem Titel einer Fernsehsendung könnte man sagen: es gab „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“. Durchschnittlich fünf Millionen Zuschauer hatten diese Sendung. Die DJK Rheinkraft würde sich glücklich schätzen, hätte sie auch nur 0,1 Prozent davon bei ihren Veranstaltungen. Doch nicht die Masse bringt es. Es ist die Qualität. Und ihren von Anfang an guten Namen hat die „Rheinkraft Neuss“ nie verloren. Möge es auch in Zukunft so bleiben.