Offermann boxt um Europameistertitel

Ein Rheinkraftler, Hubert Offermanns, wird wiederholt Deutscher Meister im Fliegen- und Bantamgewicht. Den Kampf seines Lebens bestreitet Offermanns gegen den Weltmeister Peter Kane in Liverpool. Das alles ist mittlerweile mehr als sechs Jahrzehnte her. Offermanns lieferte zu dieser Zeit in der in- und ausländischen Sportpresse Schlagzeilen. Auf Grund seiner Verdienste wurde er in den 30er Jahren bei der VfL Rheinkraft Ehrenmitglied. Nun aber der Reihe nach erzählt:

Hubert Offermanns wurde am 17. Januar 1906 in Neuß am Rhein geboren. Mit 19 Jahren, im Jahre 1925, sieht er in Neuß, zum ersten Mal einen Boxkampf und ist davon restlos begeistert. Im Neußer Punchingclub begann er dann seine Boxerlaufbahn. Die NGZ schrieb hierüber: „Auffallend schnell brachte er sich als wendiger und schlagkräftiger Fliegengewichtler in die erste Reihe der deutschen Amateurklasse. Als Westdeutscher Meister kämpfte er mehrfach repräsentativ für den Kreis Niederrhein. Seine Erfolge in der Nationalstaffel gaben den Ausschlag für seinen Entschluss, Profi zu werden. Seinen ersten Profikampf trug 1932 er in der Kölner Rheinlandhalle gegen den Kölner Schindler aus. Gegen den alten Ringfuchs und ausgezeichneten Techniker ist er in vier Runden nach Punkten erfolgreich. Leider hat er in diesem Jahr nach zwei weiteren gewonnenen Kämpfen auch drei, davon sogar zwei durch k.o. verloren.

Offermanns gibt nicht auf. Nun heißt es Training und nochmals Training. Sein früherer Verein stellt ihm, da er jetzt Berufsboxer geworden ist wegen dem Amateurstatus des Vereins keine Sparringpartner mehr zur Verfügung. Jetzt muss der Hubert durch Laufen und Schattenboxen einigermaßen in Form bleiben. Nur ein Boxer braucht das Sparring, muss mit Handschuhen trainieren. Das ist natürlich ein Grund dafür, dass er noch in 1932 in Berlin im Kampf gegen einen um einen Kopf größeren Erich Beißmann aus Hannover in der 4.Runde in einen schweren Konter hineinlief, der sein Kinn haargenau trifft. Der erste K.o. in Offermanns Profilaufbahn! Nach zwei weiteren verlorenen gegangenen Kämpfen, die Sportpresse betitelte ihn schon „als erledigten Mann!“ Mehrer Monate Training, besonders in Berlin und in Düsseldorf, haben Offermanns viel gebracht. Er hatte viel gelernt und fühlte sich großartig in Schuss. Er bekam jetzt eine großartige

Chance. Der Deutsche Doppeltmeister im Fliegen- und Bantamgewicht, Willi Metzner verpflichtete sich in Lüdenscheid gegen Offermann anzutreten. Nach sieben Runden hat Offermanns den Deutschen Meister Metzner restlos zusammengeschlagen.

Mit diesem großartigen Sieg begann Offermanns eigentlicher Aufstieg. Er nimmt sein Training noch ernster, wie bisher. Bis zu diesem Zeitpunkt ist über seine Lippen keine Zigarette oder Alkohol gekommen. Immer ist er jeden Abend um 10 Uhr zu Bett gegangen, ob Sonn- oder Feiertags. Ob Kirmes- oder Fastnacht. Seine solide Lebensweise trägt jetzt Früchte.

1933 gewann Offermanns die weiteren sechs Kämpfe bis auf ein Unentschieden durch K.o.- und Punktsiege.

1934 boxt Offermanns gegen den belgischen Meister unentschieden. Danach erhält er die große Chance, gegen den deutschen Meister Metzner wieder anzutreten. Der Kampf findet im Düsseldorfer Planetarium statt. Dieser riesige Bau ist am Kampftage restlos ausverkauft. Es ist der Hauptkampf!

Es wird ein dramatisches Gefecht. Beide kämpfen, als ginge es um ihr Leben. Die Zuschauer stehen vor Begeisterung auf ihren Stühlen. Nach 12 mörderischen Runden entscheidet das Punktgericht „unentschieden“. Das Urteil ist eine klare Fehlentscheidung! Auch die Zuschauer protestieren tobend.

Noch im gleichem Jahr schlägt Offermanns zwei weitere Titelanwärter in der 7. bzw. 8. Runde K.o.

Mit diesen Siegen ist er wieder erster Anwärter auf den Titelkampf um die Deutsche Meisterschaft., Weiter heißt es hart trainieren. Täglich steht Offermanns um 5 Uhr früh auf und läuft seine 12 bis 15 km im Walde. Abends wird mit Sparringspartner „gearbeitet“.

Der belgische Meister Schoorens verliert nach Punkten. Den Belgier Gilles schlägt Offermanns sogar in der 1. Runde K.o.

Inzwischen hat Metzner seinen Titel an den Boxer Ausböck verloren. Nun muss dieser seinen Titel gegen Hubert Offermanns aufs Spiel setzen.

Der Kampf findet am 10.Mai 1935 im Münchner Zirkus Krone statt. Offermanns Nerven haben durch die vielen Terminverschiebungen stark gelitten. Sein Gewicht ist mit 50,5 Kg äußerst niedrig.

Der Zirkus ist restlos ausverkauft, viele müssen vor verschlossenen Toren umkehren.

Ausböck musste auch Gewicht machen, ist einen ganzen Kopf größer als der Neußer, so dass dieser fast springen muss, um ihn am Kopf zu erwischen.

Der Kampf beginnt. Das Haus verhält sich totenstill. In der 1. Runde fühlt sich Offermanns gar nicht wohl. Seine Beine sind wie Blei. Durch seinen langsamen Start hatte Ausböck den Herausforderer schon in der 1. Runde am Kinn erwischt. Offermanns ist schwer angeschlagen und geht für kurze Zeit auf die Bretter. Nach dem Hochkommen überfällt ihn Ausböck wie ein Berserker. Aber Offermanns bleibt am Mann und keilt mit, was das Zeug hält. Die 2. und 3. Runde bringen erbitterten Schlagwechsel, so dass das Haus vor Begeisterung tobt. Mitte der 3. Runde trifft der Herausforderer den Meister mit einer schweren Rechten auf das Herz. Ausböck stürzt zu Boden und erhebt sich nicht mehr. Er ist schwer K.o.! Offermanns wird als neuer Deutscher Fliegengewichtmeister ausgerufen. Endlich der Titel! Weitere Kämpfe folgen. Unter anderem gegen den Europameister 1935. Offermanns erteilt ihm 6 Runden Boxunterricht, muss leider in der 8.Runde wegen einer Augenbrauenverletzung ausscheiden. 1936 gegen den damaligen Europameister Pierre Louis im Pariser restlos ausverkauften Sportpalast. Der Franzose kann den Kampf nach Punkten für sich entscheiden, die Presse schreibt vom Ringteufel Offermanns und findet den Punktsieg des Europameisters recht schmeichelhaft.

1937 holt er sich den Deutschen Meistertitel zum zweiten Mal in der Berliner Deutschlandhalle gegen den damaligen Meister Schäfer.

Nun zum Kampf gegen den damaligen Weltmeister Peter Kane aus England. Sein Name war in der Presse in aller Welt. Kane war von Beruf Schmied und hatte bereits alle nationalen und internationalen Gegner von Ruf entweder K.o oder nach Punkten geschlagen. Offermanns erhält ein Angebot gegen Kane zu boxen. Er lieferte in Liverpool den Kampf seines Lebens! Bis zur 10. Runde konnte der Weltmeister keinen wesentlichen Vorteil für sich erringen. Was noch keinem Boxer der Welt gelang, schaffte Offermanns. Mit einer wuchtigen Rechten schmetterte er den Weltmeister Peter Kane bis “7“ auf die Bretter. Leider hatte Offermanns kein Glück. Bei diesem wuchtigen Schlag bricht ihm der Mittelhandknochen und er muss leider zwei Runden vor Schluss aufgeben.

Die Engländer rasen vor Begeisterung für diesen dramatischen Kampf. Offermanns musste sich aus dem überfüllten Stadion mit Hilfe der Polizei einen Weg durch die begeisterte Menschenmenge bahnen. Die englische Presse ist des Lobes voll und berichtet von Peter Kanes schwersten Kampf in seiner gesamten Laufbahn.

In seiner Berufsboxerlaufbahn kämpfte Offermanns 13 x um den Titel in der deutschen Meisterschaft. Mehrere Male konnte er diesen erringen. Leider war er auch häufig durch Verletzungen außer Gefecht gesetzt. Aber mit großer Tapferkeit und unvorstellbaren Mut stellte er sich immer wieder zum Kampf. Seine Meisterschaftskämpfe werden im deutschen Boxsport unvergessen bleiben.

Während des Krieges sah man Hubert Offermanns in Afrika im Ring. Nach dem Kriege versuchte er nochmals sein Glück, musste aber wegen seines Alters die Handschuhe an den „berühmten Nagel“ hängen. Wie schrieb die NGZ: eine große Laufbahn eines „kleinen und bescheidenen symphatischen Sportmannes“ hatte nach mehr als zwei Jahrzehnten ihr Ende gefunden.

Hubert Offermanns wurde aufgrund seiner sportlichen Verdienste als Ehrenmitglied in die Rheinkraft aufgenommen. Sein Bild hängt zur Erinnerung im Klubhaus der Rheinkraft in der Wolkeranlage.

Am 10. Juli 1984 verstarb er mit 78 Jahren in Neuss. Er wäre in diesem Jahr unseres 90-jährigen Bestehens 98 Jahre alt geworden.

Teilweise entnommen aus einem Bericht der NGZ, vom 08. Februar 1968 und einem der Rheinkraft vorliegenden Bericht. Berichterstatter war unser Vereinsmitglied, unser unvergessener Willi Huppertz.